Sehr selten: Studie entdeckt 34 neue genetische Erkrankungen

Einem Forschungskonsortium unter maßgeblicher Beteiligung der Charité – Universitätsmedizin Berlin ist es gelungen, bei knapp 500 Menschen mit Seltenen Erkrankungen die genetische Ursache zu identifizieren. Dabei entdeckten die Forschenden bei 34 Betroffenen neue, bisher unbekannte genetische Erkrankungen. Die Ergebnisse der Studie, an der 16 universitäre Standorte beteiligt waren, sind jetzt in der Fachzeitschrift Nature Genetics* veröffentlicht.

 

Ultraseltene Krankheiten, die meist genetisch verursacht werden, erfordern für die optimale Betreuung sowohl multidisziplinäres klinisches Fachwissen als auch eine umfassende genetische Diagnostik. Um die Versorgung Betroffener mittels moderner Diagnosekonzepte zu verbessern, begann Ende 2017 das dreijährige Innovationsfonds-Projekt TRANSLATE NAMSE. Mithilfe der sogenannten Exom-Sequenzierung (ES), die alle proteinkodierenden Abschnitte der DNA ausliest, untersuchten Forschende von 16 Uniklinika die Erbsubstanz von insgesamt 1.577 Patient:innen, davon 1.309 Kinder, die im Rahmen von TRANSLATE NAMSE an Zentren für Seltene Erkrankungen vorgestellt wurden. Ziel des Projektes war es, mittels innovativer Untersuchungsmethoden bei möglichst vielen Betroffenen eine Erkrankungsursache zu finden.

Bei 499 Patient:innen, davon 425 Kinder, konnte eine genetische Ursache der Seltenen Erkrankung festgestellt werden. Insgesamt fanden die Forschenden Veränderungen in 370 verschiedenen Genen. 34 der Betroffenen zeigten neue, bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte monogene Erkrankungen.

Wie geht es weiter mit den noch ungelösten Fällen?

Die Patient:innen, für die das Forschungsteam bisher keine Diagnose finden konnte, werden nun im Rahmen des Modellvorhabens GenomSequenzierung (MVGenomSeq) untersucht werden. Das MVGenomSeq baut auf den Erfolgen des TRANSLATE NAMSE Projektes auf und ermöglicht deutschlandweit die Analyse klinischer Genome an Unikliniken. Patient:innen ohne gesicherte Diagnose und mit dem Verdacht auf eine Seltene Erkrankung können außerdem in Folgestudien mittels neuer Untersuchungsmethoden, wie zum Beispiel der sogenannten Long-read-Sequenzierung, untersucht werden. Sie erlaubt die Analyse von deutlich längeren DNA-Abschnitten.

„Die Long-read-Sequenzierung ermöglicht es uns, schwer erkennbare genetische Veränderungen zu finden und wir gehen davon aus, dass wir mit diesem Verfahren weitere Diagnosen stellen können“, sagt Oberärztin Dr. Nadja Ehmke, Leiterin der Genomdiagnostik am Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik der Charité und eine der Letztautor:innen der Studie.

Jetzt etabliert: Interdisziplinäre Fallkonferenzen

Im Rahmen des TRANSLATE NAMSE Projektes wurden auch standardisierte Abläufe zur erweiterten genetischen Diagnostik bei Verdacht auf Seltene Erkrankungen an den beteiligten Zentren für Seltene Erkrankungen etabliert, die auf interdisziplinären Fallkonferenzen beruhen. Diese wurden nach Projektabschluss in die Regelversorgung übernommen.

„Die interdisziplinären Fallkonferenzen spielen für Betroffene eine wichtige Rolle“, sagt Dr. Magdalena Danyel, eine der Erstautor:innen der Studie. Sie forscht am Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik der Charité und ist Fellow des Clinician Scientist Programms, das die Charité zusammen mit dem Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) unterhält. „Dadurch wird eine umfassende klinische Charakterisierung ermöglicht, die für die Phänotyp-basierte Auswertung der genetischen Daten relevant ist. Darüber hinaus können so die nachgewiesenen Varianten im Kontext der Fragestellung interdisziplinär diskutiert werden.”

Beteiligte Institutionen:
Neben der Charité – Universitätsmedizin Berlin waren beteiligt: Universitätsklinikum Bonn (UKB) und Universität Bonn, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM), Universitätsklinikum Düsseldorf, Ruhr Universität Bochum, Universitätsklinikum Dresden, Universitätsklinikum Essen, Universitätsklinikum Halle, Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, Universitätsklinikum Heidelberg, Universitätsklinikum Schleswig Holstein, LMU Klinikum München, Uniklinik RWTH Aachen, Universitätsklinikum Leipzig, Universitätsklinikum Tübingen und Stellenbosch University, Kapstadt, Südafrika

* Schmidt Axel et al. Next-generation phenotyping integrated in a national framework for patients with ultra-rare disorders improves genetic diagnostics and yields new molecular findings. Nat Genet 2024 Jul 22. doi: 0.1038/s41588-024-01836-1

Links:

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Externer Link zur Pressemitteilung des Universitätsklinikums Bonn

Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik