Nach Bedarf versorgen: Post-COVID, Risikoschwangerschaft, Herzschwäche und Endometriose - Neue Forschungsprojekte zur Gesundheitsversorgung mit Expert:innen der Charité

Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hat deutschlandweit insgesamt 48 neue Vorhaben zur Versorgungsforschung sowie mehrere Leitlinienprojekte für eine Förderung ausgewählt. Ziel ist es, die Gesundheitsversorgung in Deutschland immer weiter zu verbessern. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin leiten insgesamt neun der neuen Projekte, an weiteren sind sie beteiligt. Im Mittelpunkt steht eine bedarfsgerechte Versorgung von Patient:innen.

 

Die neuen Versorgungsforschungsprojekte an der Charité:

Dialysetherapie bei älteren Patient:innen: ja oder nein?

Um diese weitreichende Entscheidung besser treffen zu können, fördert das Projekt die Gesundheitskompetenz von Betroffenen. Ältere Patient:innen mit einer fortgeschrittenen Nierenerkrankung werden zu ihren Bedarfen und Bedürfnissen befragt, die bisherige Aufklärungspraxis zu Prognose und Behandlungsmöglichkeiten untersucht sowie GKV-Routinedaten zur Sterblichkeit nach Dialysebeginn analysiert. Darauf aufbauend erstellt das Team eine Entscheidungshilfe, die die Vorstellungen von Patient:innen berücksichtigt und prüft die Machbarkeit einer umfassenden Studie dazu.

Projekt: Kompetenzstärkung älterer Patienten mit fortgeschrittener Nierenerkrankung und limitierter Lebensprognose für die Wahl des angemessenen Behandlungspfades (CHOICE)
Leitung: Prof. Elke Schäffner, Institut für Public Health

Langzeitfolgen nach einer Infektion: Welche Versorgung brauchen Betroffene?

Treten nach einer Virusinfektion langwierige Folgeerscheinungen auf, spricht man von postakuten Infektionssyndromen (PAIS). Dazu zählt auch das Post-COVID-Syndrom (PCS). In den kommenden Jahren untersuchen die Forschenden die ambulante fachübergreifende Versorgungslage von PAIS-Betroffenen am Beispiel von PCS in Berlin. Sie erarbeiten Behandlungspfade und Muster der Inanspruchnahme anhand der Erfahrungen von Patient:innen und Versorgenden. Nach der Auswertung von Daten zu Beschwerden und Erwartungen wird ein umfassendes Konzept zur optimierten strukturierten Versorgung erstellt.

Projekt: Postakut viral infektiöse Syndrome in Berlin: Strukturierte sektorenübergreifende und interdisziplinäre Versorgung (PAIS Berlin)
Leitung: PD Dr. Lorena Dini, Institut für Allgemeinmedizin

Elektronische Patientenakte (ePA) für alle

Verbessert sich durch die Nutzung der ePA die Kommunikation im Versorgungsprozess? Steigen Versorgungsqualität und -sicherheit, Patientenzufriedenheit und Gesundheitskompetenz? Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, systematisch strukturelle und individuelle Faktoren zu erfassen, die eine nachhaltige und aktive Nutzung der ePA in unterschiedlichen Zielgruppen erschweren oder fördern. Aus diesen Erkenntnissen sollen Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung der ePA abgeleitet werden.

Projekt:
 ePA für alle (ePA4all)
Leitung: Prof. Sebastian Spethmann, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC)

Risiken in der Schwangerschaft genauer erfassen

Der Mutterpass mit integriertem Risikokatalog ist das Schlüsselinstrument in der Schwangerschaftsbetreuung. Durch die subjektive Gewichtung von Risikofaktoren gilt allerdings ein Großteil der Schwangeren als Risikoschwangere, was die Betreuung erschwert. In diesem Projekt wird durch die rückblickende Analyse von Datensätzen sowie eine zukünftige Anwendung zur Testung und Evaluation ein neuer objektiver Score entwickelt, der das Risiko präziser erfasst. Der neue Risikoscore soll Schwangerschaftskomplikationen genauer vorhersagen und so eine individuellere Betreuung ermöglichen.

Projekt: Analyse der fetomaternalen Risikofaktoren zur Etablierung eines Risikoscores für Schwangerschaftskomplikationen (FeMaR)
Leitung: Prof. Felix Balzer, Institut für Medizinische Informatik und Dr. Silke Wegener, Klinik für Geburtsmedizin

Telemonitoring bei Herzschwäche im Versorgungsalltag

Patient:innen mit Herzinsuffizienz haben seit 2022 Anspruch auf eine telemedizinische Mitbetreuung. Das Projekt untersucht, inwieweit die der G-BA-Entscheidung zugrundeliegenden positiven Studienergebnisse zum Telemonitoring bei Herzinsuffizienz unter Bedingungen der Versorgungsrealität Bestand haben. Hierzu wird eine umfassende Studie mit Betroffenen und Kontrollpersonen durchgeführt. Die Ergebnisse sollen zeigen, ob und welche Anpassungen in den bestehenden Regelungen notwendig sind.

Projekt: Registerstudie zur Patientenakzeptanz und zur Wirksamkeit des nicht-invasiven Telemonitoring bei Herzinsuffizienz im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung (TIM-HF4)
Leitung: Prof. Friedrich Köhler, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC)

Endometriose besser verstehen und behandeln

Endometriose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Frau im reproduktionsfähigen Alter, die von Missverständnissen begleitet ist und oft unzureichend erkannt wird. Das führt zu einem verspäteten Beginn der notwendigen multimodalen Behandlung und zu chronischen Schmerzen bei Patientinnen. Das Projektteam wird die vorliegenden Fakten zur Erkrankung systematisch zusammentragen und die Ergebnisse anschließend der breiten Öffentlichkeit in verschiedenen Publikationen und im Rahmen von Veranstaltungen zur Verfügung stellen.

Projekt: Evidenzrecherche multimodaler Versorgung von Endometriosepatientinnen (Endo Evidenz)
Leitung: Prof. Sylvia Mechsner, Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie CVK

Prof. Anna Slagman, Sprecherin der Plattform – Charité Versorgungsforschung, erklärt: „Die neuen Projekte stellen in besonderem Maße die Sichtweise und Mitwirkung der Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt. Unterstützend wirken die vorhandenen und neu hinzukommenden digitalen Angebote, die zunehmend in den Versorgungsprozess eingebunden und stetig weiterentwickelt werden. Beides trägt dazu bei, die Gesundheitsversorgung zukünftig noch stärker personalisiert und bedarfsgerecht zu gestalten.“

Mediziner:innen und Forschende der Charité sind darüber hinaus in zwei weiteren Projekten zur Versorgungsforschung beteiligt. Das Projekt Power-AOP unter Leitung der Universität Duisburg-Essen und Mitwirkung des Teams um Prof. Carsten Perka vom Centrum für Muskuloskeletale Therapie der Charité widmet sich der Stärkung der Rolle des Patienten im Kontext ambulanter Operationen am Beispiel der Orthopädie. Es soll die Voraussetzungen dafür schaffen, Operationen bei angemessener Behandlungsqualität und -sicherheit vom stationären in den ambulanten Sektor zu verlagern.

Ein Team um Prof. Birgit Mazurek vom Tinnituszentrum der Charité geht im Projekt AgeHearing-QoL unter Konsortialführung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut der Frage nach, welche frühzeitigen Versorgungsansätze zur Verbesserung der Lebensqualität älter werdender Menschen mit Schwerhörigkeit eingesetzt werden sollten.

Mit der jüngsten Förderentscheidung des Innovationsausschusses können an der Charité zudem neue Projekte zur Entwicklung und Weiterentwicklung medizinischer Leitlinien starten. Drei davon leiten Mediziner:innen der Charité, in zwei weiteren sind sie beteiligt.


Projektförderung durch den Innovationsausschuss
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat seit 2016 den Auftrag, neue Versorgungsformen, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen und Versorgungsforschungsprojekte, die auf einen Erkenntnisgewinn zur Verbesserung der bestehenden Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung ausgerichtet sind, zu fördern. Um Förderungen aus dem Innovationsfonds zu realisieren, wurde beim G-BA ein Innovationsausschuss eingerichtet. Die gesetzlich vorgesehene Fördersumme für neue Versorgungsformen und Versorgungsforschung beträgt seit 2020 jährlich 200 Millionen Euro. 80 Prozent der Mittel sollen für die Förderung neuer Versorgungsformen verwendet werden, 20 Prozent der Mittel für die Förderung der Versorgungsforschung. Der Innovationsfonds wird von Mitteln der gesetzlichen Krankenkassen aus dem Gesundheitsfonds getragen.